Fullservice: Um Gottes willen
„Ihr Magazin ist wirklich das Beste was ich im CP-Bereich je gesehen habe. Aber ab morgen stellen wir es ein.“ Die Worte des Marketing-Managers treffen den Chefredakteur der CP-Agentur voll auf die Zwölf. Damit hat er nun wirklich nicht gerechnet. Warum auch. Schließlich hat er unter vollstem Einsatz seines Intellekts Ausgabe für Ausgabe ein Magazin geschnitzt, das im CP- und Publikumsbereich seinesgleichen sucht. Zurück in der Agentur und vom ersten Schock erholt verkündet er in der Redaktionsküche lauthals die Einstellung seines Magazins und echauffiert sich im Kreise der Kollegen über den Kunden und dessen fehlenden Feingeist. Hat dieser doch noch nie den wahren Wert des Magazins verstanden. Die Kollegen bestätigen ihn natürlich. Schließlich haben die anwesenden alten CP-Schlachtrösser so etwas schon häufig erlebt und wissen nur zu gut, dass ein handelsüblicher Marketier auf Unternehmensseite den geistig hochwertigen Ergüssen eines Redakteurs ohnehin nicht folgen kann. Eine Lösung des Problems ist damit leider nicht in Sicht. Dabei wäre diese so einfach.
Fullservice heißt sie und bedeutet folgendes: Ich konzipiere ein Magazin. Danach setze ich es um. Kümmere mich um aktuelle Adressen meiner potenziellen Zielgruppe. Versende das Magazin an selbige. Telefoniere nach um zu hören, wie das Magazin gefällt. Aktualisiere bei dieser Gelegenheit Adressbestände und Telefonnummern. Lerne über Leserbefragungen meine Zielgruppe besser kennen. Setze ein CRM-System auf, das dem Kunden über die Magazinkommunikation hinaus zur Verfügung steht – zum Beispiel für den Vertrieb. Und siehe da: Plötzlich bekommt die CP-Agentur einen ganz anderen Dienstleisterstellenwert. Der Vertrieb finanziert das CRM-System mit, dessen Technik-Hoheit natürlich beim CP-Anbieter liegt. Außerdem wird die Adressbeschaffung vom Vertrieb künftig generell über den CP-Dienstleister abgewickelt, weil dieser – natürlich mit einem kompetenten Partner – schon bei der Erstbefüllung des Systems ganze Arbeit geleistet hat. Tintenfischartig saugt sich die Agentur so in vielen unterschiedlichen Unternehmensbereichen fest was dazu führt, dass Entscheidungen über den Fortbestand des CP-Titels künftig eine viel größere Tragweite bekommen. Vorausgesetzt natürlich, dass der Fullservice-Ansatz sich auch im redaktionellen Konzept des Magazins wiederspiegelt. Es müssen ja nicht gleich Gewinnspiele und plumpe Adressabfragen sein. Aber Nutzwertthemen kombiniert mit Telefonhotlines wären doch ein Anfang. Doch das ist dem feuilletonistischen CP-Redakteur natürlich schon wieder zu banal. Und wenn für Marketingaktionen im Heft auch noch der Seitenumfang reduziert werden muss, dann ist der epileptische Anfall im Redaktionsbüro nicht mehr weit. Bevor das heilige, reine Magazinkonzept vom Marketingbazillus erfasst wird läst man es lieber sterben. Umgebracht hat es dann allerdings der Kunde. Klar – gemordert wird ja immer nur in der Unterschicht. Warum dann nicht auch im Kommunikationsprekariat.
Kommentare
Für den schönen Begriff "Kommunikationsprekariat" nehme ich Dich hiermit offiziell in die Riege der CP-Feuilletonisten auf. Grundsätzlich stimme ich Deinem Kommentar zu. Nur eines: Feuilletonistische Geschichten können durchaus Teil einer Publishing-Strategie sein (siehe Stadtansichten oder Mini-Magazin), ebenso wie die Abwesenheit von dem, was Du Marketingaktionen nennst.
Posted by: Alexander Gutzmer | 22.02.08 12:07
...danke. Und da sag' nochmal einer ein Content-DJ könne nicht den Olymp des CP's erklimmen.
Es grüßt,
Ihr
O. Pocher
Posted by: Thomas | 22.02.08 13:54