Corporate Publishing: Ich bin so frei!
Ein Gastkommentar von Christian Thalheimer
Wenn Journalisten unter sich sind, müssen sie früher oder später klären, wer der tollste Hecht im Karpfenteich ist. Jeder hatte schon die exklusivsten Interviewpartner für die besten Medien. Jeder weiß Räuberpistolen von der letzten superinvestigativen Recherche zu berichten, bei der selbst – oder gerade - die Schlapphüte vom BND neidisch werden müssten. Jeder schreibt nur für die Leitmedien dieser Republik. Nur komisch, dass keiner für's Corporate Publishing geschrieben hat. "Journalisten machen doch keine PR", heißt es da entrüstet. Stimmt, machen CP-Journalisten ja auch nicht.
Nicht viele wissen wirklich, wovon sie da reden. Gestern erst drängelten
sich über 30 diskussionsfreudige Mitglieder der hiesigen Journalistengewerkschaft im Besprechungszimmer, fest verwurzelt in der Meinung, Begriffe wie gründliche Recherche, Objektivität oder fundierte Analyse seien dem Corporate Publisher ein Fremdwort. Doch es dauert nur Minuten, da werden Augen und Begehrlichkeiten der mehrheitlich Freien Journalisten immer größer. Die Arbeitsbedingungen im CP-Geschäft erscheinen wie aus vergangenen, besseren Tagen. Kollegen, die für die "freie" Presse in Personalunion als Schreiber, Fotograf, Bildbearbeiter und Layouter tätig sind, hören mit Staunen, dass im CP der Journalist noch vor allem das tut was er kann: Recherchieren und (meist noch) Schreiben. Für alles andere gibt es Spezialisten, denn im CP zählt, was sonst längst als unbezahlbar aus der Mode gekommen ist: Qualität.
Im vertraulichen Gespräch unter vier Augen gesteht so mancher (nicht ohne seine Visitenkarte zu überreichen): "Also bei *setzte bliebiges Leitmedium* hätte ich diese Geschichte aus Rücksicht auf die Anzeigenkunden nicht durchgebracht." Wer macht hier PR?!
Worüber in den "freien" Medien ständig geredet wird, ist zudem im CP längst angekommen: Vernetztes Arbeiten und Publizieren. Das Orchester aus Magazin, Internetauftritt, Podcast, Blog und sonstnochwas lassen die Verleger bei jeder beliebigen Podiumsdiskussion auftreten, um den Journalisten Angst und Schrecken einzujagen. Mit Vorliebe wird in die Trompeten von Jericho geblasen, Tonart moll, um unter diesem Getöse die Honorare der "Content-Produzenten" weiter zu kürzen. Doch wie man ein und das gleiche Thema in verschiedenen Facetten über mehrer Kanäle spielt, das durfte dann gestern die ach so dubiose CP-Branche erklären. Die hat's wenigstens mal probiert und lebt gar nicht so schlecht davon.
Nicht jeder wird indes bei dieser Entwicklung noch mitkommen. Wer heute noch glaubt, ein Journalist schreibe am Ende einen Text und habe sein Tagwerk damit erfüllt, der wird sein Tagwerk bald mit der Lupe suchen müssen. Diese Erkenntnis tut weh – gerade dem Autor dieser Zeilen, einem gelernten Zeitungsmann. Aber hier liegt auch eine große Chance, denn der Kern des Jobs ist längst ein anderer: Journalisten finden Themen, recherchieren die Fakten, selektieren daraus das Wichtige, ordnen es ein und destillieren daraus eine Essenz. Doch ob die dann als Artikel, Infografik, Podcast, Vodcast, E-Journal, Blog, Handyradio und was der Liebe Gott noch so alles erfinden mag unters Volk kommt, das steht auf einem anderen Blatt, oder Monitor, oder gleich Handy-Display.
Kurzum, wer sich der CP-Branche mit wirklich offenen Augen nähert, wird zwar kein Land finden, in dem Milch und Honig fließt. Aber er trifft auf Kunden und Auftraggeber, die Arbeit nach ihrer Qualität bewerten und bezahlen. Wer vom Controller ein Fleißsternchen haben will, weil er die meisten Zeilen pro Minute abgesondert hat, der...aber wer will das schon?