Wir Archivare
Das Internet gilt als Ort des ewig Neuen. Was immer hip ist und unser Leben verändern wird, hat, so die Annahme, mit dem WWW zu tun und spielt sich im Zweifel auch dort ab. Unter dieser Prämisse und dem sie begleitenden virtuellen Daueroptimismus steht eigentlich auch der Digital Lifestyle Day des Burda-Verlags.
In diesem Jahr aber wurde das Bild komplexer. Eine ganz andere, ebenso faszinierende Seite des grenzenlosen Netzes beleuchteten der Kurator Hans-Ulrich Obrist und eine Reihe Künstler auf einem Panel des Münchner Events. Das Netz ist nämlich auch ein Übermedium der Erinnerung – und ein grenzenloses Archiv. Längst irrelevante Daten, Unmengen an Zahlen-, Wort- und Bildmüll schwirren dort ziellos umher. Ich selber werde immer mal wieder mit einem Leserbrief konfrontiert, den ich vor unzähligen Jahren an die Berliner Zeitung schrieb. Mein Vater, Angestellter der niedersächsischen Landesregierung, würde, wenn er sich selbst googelte, Beschimpfungen lesen müssen, die der Asta der Universität Braunschweig vor vielen Jahren mal an seine Adresse absandte. (Zum Glück liegt meinem Dad nichts ferner, als sich zu googeln.)
Fakt ist jedoch: Im Netz gewinnen Informationen, Texte und Bilder ihr ganz spezifisches Eigenleben. Das führte die Künstlerin Cao Fei anhand ihrer virtuellen Existenz in Second Life vor. Ihr Avatar "China Tracy" lebt, arbeitet und liebt im Netz. Ihre Kunstfigur wird Fei selbst zum Medium, dient als Vehikel für Reflexionen über das Verhältnis von realer und virtueller Welt. (Auf der letzten Biennale in Venedig ludt Fei Besucher ein, die Welt von China Tracy real, dreidimensional zu betreten, in einem futuristischen weißen Plastikzelt.)
Fei/Tracy leben nicht nur in Second Life. Sie sammeln zugleich Nachweise und Relikte ihrer virtuellen Existenz. Sie erstellen ein Archiv von Second Life - und betätigen sich so als Historiographen der virtuellen Welt. Das wirft spannende Fragen auf: Hat das Internet seine eigene Geschichte? Was ist es wert, Teil der Geschichtsschreibung des WWW zu werden? Und was bedeutet es, wenn das Netz wie das Weltall von Vermüllung bedroht wird, wenn die Spuren, die wir hinterlassen, auch dann nicht verschwinden, wenn wir selbst sie für irrelevant oder gar irreführend halten?
Das Verhältnis von Information und Desinformation, von Text und Bild und von dem Gezeigten sowie den sich dahinter verbergenden Geschichten illustrieren die berührenden Bilder, welche die US-Künstlerin Taryn Simon auf dem Panel vorführte. Sie sucht für ihre Fotoarbeiten Orte auf, deren scheinbare physische Banalität im Widerspruch steht zu ihrer verstörenden Geschichte. (Eine Auswahl gibt es auf der Website vom MMK in Frankfurt, von Simon gerade ausstellt.) Ob sie eine von der US-Regierung betriebene Marihuanaplantage besucht oder die Kunstsammlung des CIA - immer verleiht seine Geschichte dem jeweiligen Ort eine eigentümliche Doppelgesichtigkeit.
Mit diesem Panel hat der DLD Mut bewiesen. Schließlich halten die New Media-Hipster sich damit einen überraschenden Spiegel vor, der auch die Atmosphäre ungetrübter Techno- und Zukunftsfreude verändert. Veranstaltungen wie diese sind es, die für mich in diesem Jahr den Eindruck erweckten, der DLD sei ein Stück weit "erwachsen" geworden.