Wer sind hier die Schwätzer Teil 2
Ein kurzer Nachklapp zum letzten Eintrag: Aufs Schönste wird das unglückliche Verhältnis klassischer Medienarbeiter zu dem Möglichkeiten von Blog und Co. durch den Videoblog des Zeit-Kulturchefs Jens Jessen dokumentiert. Darin stellt Jessen die Rentner-Verprügelungen in Münchner U-Bahnen in einen, wie er glaubt, größeren Zusammenhang. Jessen sieht in diesen eine Reaktion auf dauernde Demütigungen, die die Prügelkids von der Gesellschaft zu erleiden haben - nicht zuletzt von rechthaberischen Rentnern.
Für den Videoblog bekam Jessen eine verbale und mediale Tracht Prügel, deren Aggressionslevel an harmlosere U-Bahn-Kloppereien durchaus heranreicht. Es hagelte hasserfüllte Leserbriefe und wenig wohlmeinende Kommentare. Noch vergleichsweise harmlos war die Beschäftigung der BILD mit dem "feinen Herrn Jessen", was aufgrund des nörgeligen "Wir-hier-unten-die-da-oben"-Sprachduktus ja noch einige Komik hat. Henryk M. Broder traf Jessen sicherlich schon eher, indem er klug aufzeigte, dass diesen weniger von dem von ihm kritisierten Spießer unterscheidet, als er wohl wahr haben will.
Fakt ist: Die Gesellschaftsbeobachter unter Deutschlands Journalisten haben im Video-Blog zwangsläufig ihr neues Lieblingsmedium gefunden. Per Videoblog können sie nämlich, so war zumindest bis zur Causa Jessen die Annahme, genau jene Routine walten lassen, die ich im vorigen Eintrag ansprach. Schließlich gilt das Medium als plauderig-vorläufig. Wie bei einem "guten Rotwein" in trauter Runde wendet sich Jessen entspannt und quasi "en passant" an sein Publikum, von dem er erwartet, es würde seine Gedanken in jedem Fall goutieren, wie unter Freunden. Nicht weil die Gedanken originell sind, sondern weil die Zuschauerschaft sie eigentlich schon kennt und diese daher der bildungsbürgerlichen Selbstbestätigung dienen.
Der Automatismus, in jugendlichen Straftätern Opfer zu sehen und in der vermeintlich bösen Gesellschaft den wahren Täter, ist das Resultat von Denkfaulheit und dem mangelnden Willen des Gutmenschen, seine eingefahrenen Interpretationsgleise zu verlassen. Es ist die Routiniertheit des Bildungsbürgers, die Claude Chabrol in "Die zweigeteilte Frau" seziert. In dem gelangweilten Wiederaufbrühen sozialromantischer Gedankenklischees steckt genauso viel Routine wie im Gezeter biestiger Rentner über böse Jugendliche und laute Popmusik. Wie nah sich klassisch deutsche Bildungsbürger und kleinbürgerliche Rentner sind, lässt sich im übrigen gerade in U-Bahnen trefflich beobachten. Dort sind es nämlich keinesfalls meist Rentner, die sich über die laute Plagegeistmusik in I-Pods mokieren. Sondern 40-jährige Frauen im Sozialarbeiterlook, die geschnipselte Mohrrüben aus Plastiktüten knuspern und zwischendurch mit großer Zivilgesellschaftsgeste und selbstgefällig die jungen Proletarier bitten, ihren Gangstarap doch bitte leiser zu hören.
Kommentare
"...sondern 40-jährige Frauen im Sozialarbeiterlook, die geschnipselte Mohrrüben aus Plastiktüten knuspern..."
Herrliche Formulierung, wobei ich doch noch anmerken möchte, dass genannte proaktive Weltverbesserer durchaus schon im mittleren Alter zur Klasse der Rentner gehören können - nämlich dann wenn neue Abiturjahrgänge ihnen den Job als entwicklungshelfende Lehmschürfer streitig machen und sie quasi Zwangsverrentet werden ;-P
Posted by: Thomas | 21.01.08 10:46