Wer sind hier die Schwätzer?
Lieblingsthema der Medienkonferenzen vergangener Monate war das "Phänomen Web 2.0". Die Debatten begannen gern damit, dass erläutert wurde, was genau das "Phänomen" überhaupt sei. Dann begann man, Möglichkeiten und Grenzen auszuloten. Und schließlich, gegen Ende der zweitägigen Konferenzen, durften ein paar Journalisten "mahnen" und den Verfall journalistischer Werte durch den grenzenlosen Meinungsraum WWW beklagen. Die Besucher blickten an dieser Stelle kulturkritisch-betroffen ins Leere und gingen im Geiste schon mal die Zugverbindungen zurück in die Eifel durch.
In den klassischen Medien - Print und öffentlich-rechtliches TV - verläuft die Debatte andersherum. Der Frage, wie stark der Verblödungsfaktor des Internet ist, wird hier die meiste Aufmerksamkeit gewidmet. Gern prangern deren Redakteure an, das Netz werde von Schwätzern mit starker Meinung und wenig Ahnung beherrscht. Daraus leiten sie routiniert die kulturkonservative Klage ab, die Gesellschaft verrohe und der Wert traditioneller Medien werde heute nicht mehr gesehen.
Nun möchte ich nicht bestreiten, dass im Netz oft rhetorisches Chaos herrscht und bedeutungsschwangere Plattitüden oft mehr zählen als fundierte Analysen oder mehrdimensionale Sichtweisen. Allerdings würde ich den deutschen Primärmedien vorschlagen, sich einmal zu fragen, weshalb viele Rezipienten offenbar kaum einen Unterschied ausmachen zwischen alt und neu, zwischen Netz und TV/Print? Weshalb vielen das Netz sogar als das originellere Medium erscheint? Vielleicht ist die Antwort, dass der herkömmliche Journalismus sich in einer Sackgasse befindet und oft nicht viel besser ist. Wer einmal einen der rhetorisch versierten, aber aussagelosen Kommentare der ARD-Tagesthemen über sich hat ergehen lassen, der weiß: Mehr als Plattheiten wie "Jetzt muss die Kanzlerin ran" oder "Unternehmen XY muss seine soziale Verantwortung erkennen" haben diese auch nicht zu bieten - trotz üppiger Gebührenfinanzierung, hohem gesellschaftlichen Status und quasi verbeamteten Redakteuren. Auch bei der Lektüre großer Tageszeitungen kommt außerhalb der Feuilletonteile oft Langeweile auf. Neue Perspektiven nehmen auch sie nur selten ein, meist begnügen sich die Journalisten damit, gegebene Instrumentarien auf neue Wirklichkeiten anzuwenden. So werden routiniert die Banalitäten der Großen Koalition verfolgt. Aber kein Journalist schafft es, sich von seinen gelernten Trivialitäten und Floskeln (z.B. Momentbetrachtungen; Suche nach "den Betroffenen") zu lösen, eine Metaebene einzunehmen und so überraschende Zusammenhänge zu entdecken. Grenzüberschreitende Vergleiche und globale Perspektiven streben unsere Medien auch nur selten an. Kein Wunder, dass diese bleierne publizistische Routine die Leser vertreibt - und Internetblogs in der Wahrnehmung der Nutzer zu voll konkurrenzfähigen Medienangeboten macht. Die Stärke der Internetmedien liegt in der Schwäche ihrer Konkurrenz.