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22.01.08

Wir Archivare

Das Internet gilt als Ort des ewig Neuen. Was immer hip ist und unser Leben verändern wird, hat, so die Annahme, mit dem WWW zu tun und spielt sich im Zweifel auch dort ab. Unter dieser Prämisse und dem sie begleitenden virtuellen Daueroptimismus steht eigentlich auch der Digital Lifestyle Day des Burda-Verlags.

In diesem Jahr aber wurde das Bild komplexer. Eine ganz andere, ebenso faszinierende Seite des grenzenlosen Netzes beleuchteten der Kurator Hans-Ulrich Obrist und eine Reihe Künstler auf einem Panel des Münchner Events. Das Netz ist nämlich auch ein Übermedium der Erinnerung – und ein grenzenloses Archiv. Längst irrelevante Daten, Unmengen an Zahlen-, Wort- und Bildmüll schwirren dort ziellos umher. Ich selber werde immer mal wieder mit einem Leserbrief konfrontiert, den ich vor unzähligen Jahren an die Berliner Zeitung schrieb. Mein Vater, Angestellter der niedersächsischen Landesregierung, würde, wenn er sich selbst googelte, Beschimpfungen lesen müssen, die der Asta der Universität Braunschweig vor vielen Jahren mal an seine Adresse absandte. (Zum Glück liegt meinem Dad nichts ferner, als sich zu googeln.)

Fakt ist jedoch: Im Netz gewinnen Informationen, Texte und Bilder ihr ganz spezifisches Eigenleben. Das führte die Künstlerin Cao Fei anhand ihrer virtuellen Existenz in Second Life vor. Ihr Avatar "China Tracy" lebt, arbeitet und liebt im Netz. Ihre Kunstfigur wird Fei selbst zum Medium, dient als Vehikel für Reflexionen über das Verhältnis von realer und virtueller Welt. (Auf der letzten Biennale in Venedig ludt Fei Besucher ein, die Welt von China Tracy real, dreidimensional zu betreten, in einem futuristischen weißen Plastikzelt.)

Fei/Tracy leben nicht nur in Second Life. Sie sammeln zugleich Nachweise und Relikte ihrer virtuellen Existenz. Sie erstellen ein Archiv von Second Life - und betätigen sich so als Historiographen der virtuellen Welt. Das wirft spannende Fragen auf: Hat das Internet seine eigene Geschichte? Was ist es wert, Teil der Geschichtsschreibung des WWW zu werden? Und was bedeutet es, wenn das Netz wie das Weltall von Vermüllung bedroht wird, wenn die Spuren, die wir hinterlassen, auch dann nicht verschwinden, wenn wir selbst sie für irrelevant oder gar irreführend halten?

Das Verhältnis von Information und Desinformation, von Text und Bild und von dem Gezeigten sowie den sich dahinter verbergenden Geschichten illustrieren die berührenden Bilder, welche die US-Künstlerin Taryn Simon auf dem Panel vorführte. Sie sucht für ihre Fotoarbeiten Orte auf, deren scheinbare physische Banalität im Widerspruch steht zu ihrer verstörenden Geschichte. (Eine Auswahl gibt es auf der Website vom MMK in Frankfurt, von Simon gerade ausstellt.) Ob sie eine von der US-Regierung betriebene Marihuanaplantage besucht oder die Kunstsammlung des CIA - immer verleiht seine Geschichte dem jeweiligen Ort eine eigentümliche Doppelgesichtigkeit.

Mit diesem Panel hat der DLD Mut bewiesen. Schließlich halten die New Media-Hipster sich damit einen überraschenden Spiegel vor, der auch die Atmosphäre ungetrübter Techno- und Zukunftsfreude verändert. Veranstaltungen wie diese sind es, die für mich in diesem Jahr den Eindruck erweckten, der DLD sei ein Stück weit "erwachsen" geworden.

21.01.08

Wer sind hier die Schwätzer Teil 2

Ein kurzer Nachklapp zum letzten Eintrag: Aufs Schönste wird das unglückliche Verhältnis klassischer Medienarbeiter zu dem Möglichkeiten von Blog und Co. durch den Videoblog des Zeit-Kulturchefs Jens Jessen dokumentiert. Darin stellt Jessen die Rentner-Verprügelungen in Münchner U-Bahnen in einen, wie er glaubt, größeren Zusammenhang. Jessen sieht in diesen eine Reaktion auf dauernde Demütigungen, die die Prügelkids von der Gesellschaft zu erleiden haben - nicht zuletzt von rechthaberischen Rentnern.

Für den Videoblog bekam Jessen eine verbale und mediale Tracht Prügel, deren Aggressionslevel an harmlosere U-Bahn-Kloppereien durchaus heranreicht. Es hagelte hasserfüllte Leserbriefe und wenig wohlmeinende Kommentare. Noch vergleichsweise harmlos war die Beschäftigung der BILD mit dem "feinen Herrn Jessen", was aufgrund des nörgeligen "Wir-hier-unten-die-da-oben"-Sprachduktus ja noch einige Komik hat. Henryk M. Broder traf Jessen sicherlich schon eher, indem er klug aufzeigte, dass diesen weniger von dem von ihm kritisierten Spießer unterscheidet, als er wohl wahr haben will.

Fakt ist: Die Gesellschaftsbeobachter unter Deutschlands Journalisten haben im Video-Blog zwangsläufig ihr neues Lieblingsmedium gefunden. Per Videoblog können sie nämlich, so war zumindest bis zur Causa Jessen die Annahme, genau jene Routine walten lassen, die ich im vorigen Eintrag ansprach. Schließlich gilt das Medium als plauderig-vorläufig. Wie bei einem "guten Rotwein" in trauter Runde wendet sich Jessen entspannt und quasi "en passant" an sein Publikum, von dem er erwartet, es würde seine Gedanken in jedem Fall goutieren, wie unter Freunden. Nicht weil die Gedanken originell sind, sondern weil die Zuschauerschaft sie eigentlich schon kennt und diese daher der bildungsbürgerlichen Selbstbestätigung dienen.

Der Automatismus, in jugendlichen Straftätern Opfer zu sehen und in der vermeintlich bösen Gesellschaft den wahren Täter, ist das Resultat von Denkfaulheit und dem mangelnden Willen des Gutmenschen, seine eingefahrenen Interpretationsgleise zu verlassen. Es ist die Routiniertheit des Bildungsbürgers, die Claude Chabrol in "Die zweigeteilte Frau" seziert. In dem gelangweilten Wiederaufbrühen sozialromantischer Gedankenklischees steckt genauso viel Routine wie im Gezeter biestiger Rentner über böse Jugendliche und laute Popmusik. Wie nah sich klassisch deutsche Bildungsbürger und kleinbürgerliche Rentner sind, lässt sich im übrigen gerade in U-Bahnen trefflich beobachten. Dort sind es nämlich keinesfalls meist Rentner, die sich über die laute Plagegeistmusik in I-Pods mokieren. Sondern 40-jährige Frauen im Sozialarbeiterlook, die geschnipselte Mohrrüben aus Plastiktüten knuspern und zwischendurch mit großer Zivilgesellschaftsgeste und selbstgefällig die jungen Proletarier bitten, ihren Gangstarap doch bitte leiser zu hören.

16.01.08

Wer sind hier die Schwätzer?

Lieblingsthema der Medienkonferenzen vergangener Monate war das "Phänomen Web 2.0". Die Debatten begannen gern damit, dass erläutert wurde, was genau das "Phänomen" überhaupt sei. Dann begann man, Möglichkeiten und Grenzen auszuloten. Und schließlich, gegen Ende der zweitägigen Konferenzen, durften ein paar Journalisten "mahnen" und den Verfall journalistischer Werte durch den grenzenlosen Meinungsraum WWW beklagen. Die Besucher blickten an dieser Stelle kulturkritisch-betroffen ins Leere und gingen im Geiste schon mal die Zugverbindungen zurück in die Eifel durch.

In den klassischen Medien - Print und öffentlich-rechtliches TV - verläuft die Debatte andersherum. Der Frage, wie stark der Verblödungsfaktor des Internet ist, wird hier die meiste Aufmerksamkeit gewidmet. Gern prangern deren Redakteure an, das Netz werde von Schwätzern mit starker Meinung und wenig Ahnung beherrscht. Daraus leiten sie routiniert die kulturkonservative Klage ab, die Gesellschaft verrohe und der Wert traditioneller Medien werde heute nicht mehr gesehen.

Nun möchte ich nicht bestreiten, dass im Netz oft rhetorisches Chaos herrscht und bedeutungsschwangere Plattitüden oft mehr zählen als fundierte Analysen oder mehrdimensionale Sichtweisen. Allerdings würde ich den deutschen Primärmedien vorschlagen, sich einmal zu fragen, weshalb viele Rezipienten offenbar kaum einen Unterschied ausmachen zwischen alt und neu, zwischen Netz und TV/Print? Weshalb vielen das Netz sogar als das originellere Medium erscheint? Vielleicht ist die Antwort, dass der herkömmliche Journalismus sich in einer Sackgasse befindet und oft nicht viel besser ist. Wer einmal einen der rhetorisch versierten, aber aussagelosen Kommentare der ARD-Tagesthemen über sich hat ergehen lassen, der weiß: Mehr als Plattheiten wie "Jetzt muss die Kanzlerin ran" oder "Unternehmen XY muss seine soziale Verantwortung erkennen" haben diese auch nicht zu bieten - trotz üppiger Gebührenfinanzierung, hohem gesellschaftlichen Status und quasi verbeamteten Redakteuren. Auch bei der Lektüre großer Tageszeitungen kommt außerhalb der Feuilletonteile oft Langeweile auf. Neue Perspektiven nehmen auch sie nur selten ein, meist begnügen sich die Journalisten damit, gegebene Instrumentarien auf neue Wirklichkeiten anzuwenden. So werden routiniert die Banalitäten der Großen Koalition verfolgt. Aber kein Journalist schafft es, sich von seinen gelernten Trivialitäten und Floskeln (z.B. Momentbetrachtungen; Suche nach "den Betroffenen") zu lösen, eine Metaebene einzunehmen und so überraschende Zusammenhänge zu entdecken. Grenzüberschreitende Vergleiche und globale Perspektiven streben unsere Medien auch nur selten an. Kein Wunder, dass diese bleierne publizistische Routine die Leser vertreibt - und Internetblogs in der Wahrnehmung der Nutzer zu voll konkurrenzfähigen Medienangeboten macht. Die Stärke der Internetmedien liegt in der Schwäche ihrer Konkurrenz.

Hier schreiben Fachautoren über neue Trends und Entwicklungen des Corporate Publishing auf dem deutschsprachigen Markt.