Was ist neu?
Eine der vielen sympathischen Seiten der USA ist die nonchalante Haltung des Landes zum Phänomen des Misserfolgs. Ein Beispiel davon liefert die aktuelle Ausgabe der Vanity Fair. Da schreibt ein auf die Nase gefallener Internetunternehmer als Medienkolumnist über die Zukunft der Medienbranche. Und nicht nur das. Er stellt auch noch seinen neuen unternehmerischen Scoop vor: Newser.com .
Mit Newser.com will Michael Wolff die Welt der Nachrichten revolutionieren. Die Idee: Per Computeralgorithmen werden netzbasierte Nachrichten ausgewertet und nach Intensität der Nutzung gewissermassen gerankt. Themen, die anderswo oft behandelt und gelesen werden, kommen auf seine Nachrichtensite. Das Ergebnis, bezogen auf Newser.com, ist eher unspannend: der gewogene Durchschnitt aus der allgemein im Netz verfügbaren Nachrichtensoße.
Dennoch steckt in Wolffs Artikel viel Bedenkenswertes. Er definiert darin nämlich neu, was eine wichtige Nachricht ist. Nicht der Journalist entscheidet über die Relevanz einer Begebenheit, sondern die Leser. Was viel gelesen wird, ist relevant.
Richtig spannend wird dieser Ansatz aber erst, wenn man als Leserschaft nicht "aller Netzuser" oder "alle Deutschen" definiert, sondern sehr spezielle Zielgruppen. Nehmen wir beispielhaft die Zielgruppe Spitzenmanager. Wenn ich als Vorstandsmitglied erfahren kann, welche Nachrichten meine Peers in anderen Unternehmen meiner Branche lesen, welche Artikel in welchen Medien, dann werden diese Nachrichten oder Artikel für mich automatisch relevanter - sei es auf purer Neugier, sei es aber durchaus auch als Element meiner Wettbewerbsbeobachtung. Ähnliche Argumentationen gelten auch für andere Zielgruppen. Was für wen eine Nachricht ist, wird erst dadurch definiert, wer sie liest.
Noch denkt die Medienbranche hier anders, noch wird an Journalistenschulen gelehrt, dass Journalisten definieren (müssen), was eine Nachricht ist. Doch ein Nachdenken über diese Frage lohnt. Am Ende könnten nämlich netzbasierte Zusatzservices zu Medienprodukten herauskommen. Ein Beispiel (willkürlich, betriebswirtschaftlich nicht zu Ende gedacht, angreifbar, wie solche Beispiele nun einmal sind): Die Abonnenten eines Mediums erfahren, welche Beiträge andere Abonnenten oder bestimmte Abonnentengruppen wie lang gelesen haben. Meine These: Das schafft für den Leser einen echten Mehrwert.
(Vielleicht sollte ich diesen Beitrag ins Englische übersetzen und Herrn Wolff schicken. Irgendwann geht schließlich auch in den USA die Geduld mit Pleiteunternehmern zu Ende.)