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Im Zweifel für den Angeklagten

Die Verhandlung ist eröffnet. Einmal mehr liegt das Netz der Netze auf der Anklagebank. Diesmal wirft man dem Internet vor, maßgeblich am Auflagensterben deutscher Großverlage beteiligt zu sein. Gemeinschafts- kläger sind die Blattmacher unterschiedlichster Publikumsredaktionen. Die Anklage lautet auf Leserberaubung mit Todesfolge in unzähligen Fällen.

Nun, dass die Printauflagen seit Jahren sinken ist eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt. Aber das dies explizit an der gesteigerten Relevanz des Mediums Internet liegt ist ein zu einfacher Erklärungsansatz. Und vor allem, er wird durch seine Einfachheit nicht richtiger. Vielmehr sollten sich die deutschen Großverlage die Frage stellen, ob es nicht an mangelnder Inspiration und fehlender Kreativität ihrer so genannten Chefredakteure liegt, dass es in den Letzen Jahren im deutschen Blätterwald bis auf wenige Ausnahmen keine erwähnenswerte Neuerscheinung gab.

Anstatt an neuen, marktgerechten Titelkonzepten zu feilen begnügt man sich Land auf Land ab mit der Lizenzierung ausländischer Objekte. Dabei macht man sich nicht einmal die Mühe die Titel umzubenennen. Ach so, das darf ja aus vertragsrechtlichen Gründen schon nicht passieren. Welch ein Glück. Gut unter dem Aspekt das „Kaufinger Straße“ nur Ansatzweise an den Pathos von „Park Avenue“ herankommt ist das eventuell auch sinnvoll – oder würden Sie das „Magazin der Eitelkeiten“ lesen? Na wer weiß, die derzeitige Kleinstauflage von 80.000 wäre sogar zu schaffen.

Für den Blattmacher, pardon Blattkopisten, dient allerdings nicht nur der internationale Markt als Inspirationsquelle. Auch die heimischen Gefilde bieten unzählige Möglichkeiten, sich in der Kunst des duplizierens zu üben.

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Es gilt lediglich, die Zielgruppen mit der höchsten Titeldichte zu identifizieren und für diese ein weiteres Objekt aufzulegen. Die Konzeptionsphase entfällt und spart dem Verlag bares Geld. Schließlich sind Format, Inhalt und Farbgebung des neuen Magazins schon mehrfach von anderen Verlagen getestet und als praktikabel empfunden worden. Und dort arbeiten ja schließlich auch keine Idioten. Ok, so tief bin ich in der Materie dann auch wieder nicht drin.

Um es auf den Punkt zu bringen: Mit dem Erwachsenwerden des Internets haben Printpublikationen ganz bestimmt eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz bekommen. Aber das Internet als Meuchelmörder unzähliger Printpublikationen zu bezeichnen geht zu weit. Deshalb plädiere ich auf Freispruch in allen Anklagepunkten. Die Verhandlung ist damit geschlossen.

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Kommentare

Natürlich Freispruch. Das Internet stellt aus meiner Sicht noch nicht mal primär eine Konkurrenz dar, sondern eine Chance zur multimedialen Stärkung bestehender Medienmarken. Als solches nutzen es einige Medien schon ziemlich gut - nicht zuletzt das im Beitrag kritisierte Vanity Fair.

Noch ein Satz dazu: Ich finde die Internationalisierung bestehender Medienmarken gar nicht so schlecht. Ein Magazin wie das amerikanische Vanity Fair gab es bei uns bisher nicht, und es zu starten ist mutig, gerade angesichts der zu erwartenden Nörgelei. Hinter dieser verbirgt sich aus meiner Sicht Antipathie gegen Amerika und viel klassisch altlinker Kulturskeptizismus à la Adorno. Gegen einen Spiegel, der in den USA funktioniert, hätte man sicher nichts.

Vielleicht hat es genau mit dieser dauerdepressiven Grundstimmung von Leuten, die die Zeitschrift "konkret" für den letzten bemerkenswerten Launch halten, zu tun, dass wir in Deutschland so wenige spannende neue Titel sehen.

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