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31.08.07

Länger atmen!

Drei Jahre sind eine lange Zeit – eigentlich. Drei Jahre lang, so eine gängige Weisheit im Corporate Publishing, ist die durchschnittliche Haltedauer eines Corporate-Magazins. Allerdings erscheint mir dieser Wert zu hoch gegriffen. Und wenn man bedenkt, dass die meisten Magazine bestenfalls viermal jährlich erscheinen, sieht die Sache nochmal schlechter aus.

Fakt ist aus meiner Sicht vielmehr: Im Corporate Publishing werden ziemlich leichtfertig geistige Werte vernichtet. Hinter jedem Magazin steckt ein Konzept, und oft sogar ein Gutes. Dieses Konzept wird in den Müll geworfen, wenn ein Magazin eingestellt wird. Und das geschieht oft zu schnell.

Ich will hier nicht einzelne Unternehmen an den Pranger stellen - schon deshalb nicht, weil die Schuld nicht immer bei ihnen liegt, sondern oft eher bei den Verlagen. In Verkaufslaune schießen diese gerne mal übers Ziel hinaus und versprechen Refinanzierungen, die von vornherein unrealistisch sind. Hinterher wundern sie sich, wenn die Auftraggeber das Magazin dicht machen, weil die Refinanzierung nicht funktioniert.

Aber nicht nur wegen abwegiger Refinanzierungsversprechen werden Magazine voreilig eingestellt. Oft hört man von so lapidaren Begründungen wie "wir können doch mal wieder was Anderes machen". Ein schrecklicher Satz. Ein Magazin ist nämlich keine PR-Aktion, kein kurzfristiger Gag, der mit zweimaligem Auftauchen sein Ziel erreicht hat. Viel erzählen Marketingdenker vom nötigen langen Atem. Realiter wird stattdessen oft kurzatmig herumgehechelt. Und zu schnell geht auch guten Magazinkonzepten die Luft aus.

Um eine Magazinmarke zu etablieren, braucht es Geduld. Der "Spiegel" galt nach zwölf Ausgaben auch noch nicht als Flagschiff der Demokratie. Und Unternehmenspublikationen werden bei Launch skeptisch gesehen, müssen sich also ihre Glaubwürdigkeit erst erarbeiten. Wenn ein Magazin aber einmal eine klare inhaltliche Positionierung erreicht hat, sollten die Unternehmen doppelt kritisch über eventuelle Einstellungspläne nachdenken. Denn dann käme zur Vernichtung des Wertes "Konzept" auch noch jene des Wertes "Image/Glaubwürdigkeit" hinzu. Hier können die CP-Macher zur Abwechslung mal vom Publikumsmarkt lernen. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren ging es der ehrwürdigen "Zeit" schlecht. Hätte man das Hamburger Flaggschiff eingestellt, wäre ein riesiger Vorrat an Image und Vertrauen, das die Zielgruppe der Zeitung entgegenbringt, verloren gewesen. Stattdessen hat die Zeit sich verjüngt, setzt heute auf frischere Themen - und ist auch wieder am Kiosk erfolgreich.

28.08.07

Avantgarde des modernen Journalismus

Corporate Publishing macht heute schon vor, wie Journalismus in Zukunft aussieht. Diese These vertritt Heiko Hebig, Coordinator Media Development im Stab von Dr. Burda, in der Internet-Talksendung "Tischthema.tv". (s. Video, Timecode 23:05 min)


Link: sevenload.com

Dabei geht es dem Online-Experten weniger um die Qualität des Journalismus, als vielmehr um zielgruppenaffine Konzepte. Was CP-Dienstleister bereits seit Jahren vorleben - nämlich hochwertigen, refinanzierbaren Journalismus für kleine Zielgruppen - müssen viele Publikumsmedien gerade mühsam lernen. Das gilt für Print- und TV-Redaktionen gleichermaßen.

Denn nicht nur Printverlage verzeichnen ein kontinuierliches Auflagensterben. Auch die TV-Sender müssen sich mit einem drastischen Rückgang ihrer Seher auseinandersetzen. Hierzu berichtet das Fachmagazin w&v über ein aktuelles Beispiel .

Was CP-Verlage ebenfalls schon gelernt haben: Mit dem Rückgang der Auflagen, oder allgemeiner der Rezipienten, muss in den Redaktionen auch ein organisatorisches umdenken stattfinden. Kompetenzen müssen gebündelt werden, um so den Overhead einzelner Objekte zu reduzieren. Das wiederum ist nur zu schaffen, wenn Redakteure künftig Inhalte für mehrere Medienkanäle erstellen. Und davon ist man – zumindest in den meisten Printredaktionen – Lichtjahre entfernt.

24.08.07

"Jede Lüge braucht einen mutigen, der sie zählt"

Jede Wahrheit braucht einen mutigen, der sie ausspricht. Und jede Lüge braucht einen, der sie zählt. Mit ersterem wirbt die BILD-Zeitung ja mittlerweile schon länger für das Blatt. Was liegt da für den BILDblog - die überparteilich, unabhängige Korrekturinstanz der Bilderzeitung - näher, um mit dem gleichen Claim die eigene Arbeit zu beschreiben. Natürlich in der dafür nötigen, abgewandelten Form.

Seit gestern wird der Slogen in einem TV-Spot unter anderem auf Viva und MTV kommuniziert. Damit ist das BILDblog das erste deutsche Weblog mit eigenem TV-Spot. Sehr gelungen wie ich finde und mit Christoph Maria Herbst und Anke Engelke in den Hauptrollen hochkarätig besetzt.


Link: sevenload.com

Die BILDblogger treffen den Nagel genau auf den Kopf. Und da soll nochmal einer sagen, in Deutschland gibt es keine coolen Werbe-Spots. Richtig, jede Wahrheit braucht eben einen mutigen, der sie ausspricht.

21.08.07

Blattschuss zum Plattschuss

Diese herrliche Spiegel-Blattkritik von Oliver Gehrs hat mir gerade mein Aussenkorrespondent Lucas von Gwinner zugespielt. Schön gemacht. Großartig auch der kurze Leberhaken am Ende in Richtung Vanity Fair - obwohl's den eigentlich nicht gebraucht hätte.


Mit dieser Blattkritik erscheinen die unten beschriebenen, inspirationslosen Blattmacher noch in einem viel fahleren Licht. Die mangelnde Kreativität führt also nicht nur dahin, dass wir uns seit langem an keiner nennenswerten Neuerscheinung mehr erfreuen dürfen. Wir sind schon soweit, dass selbst der oberste Hüter der deutschen Magazinqualität die Beine von der Anspruchskurbel nimmt. Wie tragisch.

14.08.07

Im Zweifel für den Angeklagten

Die Verhandlung ist eröffnet. Einmal mehr liegt das Netz der Netze auf der Anklagebank. Diesmal wirft man dem Internet vor, maßgeblich am Auflagensterben deutscher Großverlage beteiligt zu sein. Gemeinschafts- kläger sind die Blattmacher unterschiedlichster Publikumsredaktionen. Die Anklage lautet auf Leserberaubung mit Todesfolge in unzähligen Fällen.

Nun, dass die Printauflagen seit Jahren sinken ist eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt. Aber das dies explizit an der gesteigerten Relevanz des Mediums Internet liegt ist ein zu einfacher Erklärungsansatz. Und vor allem, er wird durch seine Einfachheit nicht richtiger. Vielmehr sollten sich die deutschen Großverlage die Frage stellen, ob es nicht an mangelnder Inspiration und fehlender Kreativität ihrer so genannten Chefredakteure liegt, dass es in den Letzen Jahren im deutschen Blätterwald bis auf wenige Ausnahmen keine erwähnenswerte Neuerscheinung gab.

Anstatt an neuen, marktgerechten Titelkonzepten zu feilen begnügt man sich Land auf Land ab mit der Lizenzierung ausländischer Objekte. Dabei macht man sich nicht einmal die Mühe die Titel umzubenennen. Ach so, das darf ja aus vertragsrechtlichen Gründen schon nicht passieren. Welch ein Glück. Gut unter dem Aspekt das „Kaufinger Straße“ nur Ansatzweise an den Pathos von „Park Avenue“ herankommt ist das eventuell auch sinnvoll – oder würden Sie das „Magazin der Eitelkeiten“ lesen? Na wer weiß, die derzeitige Kleinstauflage von 80.000 wäre sogar zu schaffen.

Für den Blattmacher, pardon Blattkopisten, dient allerdings nicht nur der internationale Markt als Inspirationsquelle. Auch die heimischen Gefilde bieten unzählige Möglichkeiten, sich in der Kunst des duplizierens zu üben.

kranke_blattmacher_soft.jpg

Es gilt lediglich, die Zielgruppen mit der höchsten Titeldichte zu identifizieren und für diese ein weiteres Objekt aufzulegen. Die Konzeptionsphase entfällt und spart dem Verlag bares Geld. Schließlich sind Format, Inhalt und Farbgebung des neuen Magazins schon mehrfach von anderen Verlagen getestet und als praktikabel empfunden worden. Und dort arbeiten ja schließlich auch keine Idioten. Ok, so tief bin ich in der Materie dann auch wieder nicht drin.

Um es auf den Punkt zu bringen: Mit dem Erwachsenwerden des Internets haben Printpublikationen ganz bestimmt eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz bekommen. Aber das Internet als Meuchelmörder unzähliger Printpublikationen zu bezeichnen geht zu weit. Deshalb plädiere ich auf Freispruch in allen Anklagepunkten. Die Verhandlung ist damit geschlossen.

2.08.07

Der größte Corporate Publisher der Welt

Publikumsverlage sind nicht mehr hipp. Klar – Hefte mit Inhalten zu bestücken für Leser die dem Verlag weitestgehend unbekannt sind ist unsexy. Viel spannender ist es doch Periodicals als Platform für eine virtual Community herauszugeben deren Interests genau bekannt sind, weil das Involvement der Leser extrem hoch ist was letztlich zu higher Revenues führt.

Ob nun die Hipness oder die Revenues der Beweggrund sind sei dahingestellt. Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem, die G+J dazu bewegt, ein weiteres Community-Magazin aufzulegen. Auf das im Mai gestartete ebay-Magazin soll nun ein Titel für die Xing-Mitglieder folgen. Nach Informationen von HORIZONT arbeitet die Kölner Verlagstochter „Capital“ bereits mit Hochdruck an der Nullnummer die schon im Herbst getestet werden soll.
Warum das Magazin allerdings wieder nicht unter dem Dach der CP-Tochter G+J Corporate Media läuft ist nicht bekannt. Denn nach Aussage von Bernd Buchholz, G+J-Vorstand, handelt es sich um eine „Print-Verlängerung einer populären Internetmarke“, und damit um eine klassische Unternehmens-Publikation. Die Mär eines unabhängigen Titels, die Andreas Petzold, Geschäftsführer des ebay-Magazins und Stern-Chefredakteur, bereits vor der Einführung des ebay-Magazins erzählte, wird hier vermutlich fortgeschrieben. Fraglich nur, wer sie glaubt. Denn eine Marke wie Xing, die ausschließlich vom Vertrauen ihrer Mitglieder lebt, wird ein Magazin mit gleichnamigem Titel ganz bestimmt nicht gänzlich und ohne Mitspracherecht an einen Verlag vergeben.

Auch wenn das neue Xing-Magazin eine weitere Mogelpackung aus dem Hause G+J sein wird, so bleibt im Sinne des journalistischen Anspruchs dennoch zu wünschen, das die Capital-Entwicklungsredaktion die nötige Hipness aufbringt, die den ebay-Entwicklern offenstichtlich fehlte. Denn eines ist klar, wenn das Xing-Magazin ähnlich erbärmlich aufgemacht ist wie die ebay-Postille, dann wird es ganz schnell an Attention verlieren.

ebay_1.jpg

Und das wäre für G+J der strategische Gau. Denn nur wenn das Xing-Magazin funktioniert ist das avisierte Ziel erreichbar – der größte Corporate-Publisher der Welt zu werden. Fantastic.

Hier schreiben Fachautoren über neue Trends und Entwicklungen des Corporate Publishing auf dem deutschsprachigen Markt.