Der Allround-Revoluzzer
Einer der Vordenker des Corporate Publishing war klein, unfreundlich und putzte sich nur ungern die Zähne: Mao Tse-tung. Der „Große Vorsitzende“ veröffentlichte einen Meilenstein in der Entwicklung des Corporate Books: Die Mao-Bibel. Diese beinhaltete die gesammelten Weisheiten des Revolutionsführers. In den 70ern gehörte sie zur Grundausstattung jedes links denkenden Studenten.
Und das völlig zurecht! Die Mao-Bibel ist ein Paradebeispiel strategischen CPs. Wer wissen will, wie man mit einem Buch eine Gemeinschaft auf seinen Kurs einschwört, als Chef Dauerpräsenz zeigt und noch mit den größten Trivialitäten den Eindruck unermesslicher Weisheit erweckt, dem sei die Beschäftigung mit der Geschichte des kleinen Roten empfohlen. Einen Überblick liefert der Schriftsteller Tilman Spengler.
Lassset uns nun alle vom Großen Vorsitzenden lernen, wie man ein Corporate Book erfolgreich macht:
1. Lebenspraktische Relevanz
Die Mao-Bibel quillt über vor Merksätzen, die alle Voraussetzungen guter Lebensweisheiten erfüllen: allgemein, banal, aber irgendwie immer passend. „Jede Schlussfolgerung ergibt sich, wenn die Untersuchung einer Situation beendet ist, nicht bevor sie angefangen hat“, schreibt Mao. Wer wollte dem widersprechen? „Eine Revolution ist kein Gastmahl“ sagen offenbar noch heute Chinesen, wenn Obrigkeiten zu verschwenderisch tafeln. Der Satz passt, wann immer es um Change Management oder „Gürtel enger schnallen“ geht. Und auch jenem, der sich durch zu rasante Veränderungen überrollt fühlt, bietet Genosse Mao argumentatives Rüstzeug: „Die Bauern werden ungestüm und unbändig wie ein Orkan sein“ – kein Gewerkschaftsführer könnte überzeugender mit Massenprotesten drohen.
2. Konsequenz in der Distribution
Hier zog Mao alle Register. Die Mao-Bibel lag nicht etwa nur im Buchladen aus. Für jeden schulpflichtigen Chinesen im schulpflichtigen Alter war das Büchlein Pflicht. In öffentlichen Verkehrsmitteln wurden Studenten kontrolliert, ohne Bibel in der Tasche gab’s Ärger.
3. Zielgruppenrelevanz
Die Weisheiten waren hinreichend bunt zusammengewürfelt, um jedem etwas zu bieten. Rivalisierende Rotarmisten-Gruppen wählten einzelne Losungen sogar als Slogan. „Zu Streitfällen“, schreibt Spengler, „kam es in der Leichtmetallindustrie, weil unterschiedliche Meinungen über den angemessenen Einsatz der Zitate beim Beschriften der Haushaltsgeräte auftraten“. Des Meisters Worte auf Spucknäpfen etwa fanden einige problematisch.
4. Design, Verkaufe
Der markante Plastikeinband ist leicht erkennbar und widerstandsfähig. Auch die kräftigsten Regengüsse auf Reisfeldern können ihm nichts anhaben. Klare Regeln bestanden darüber, wie und wann das Büchlein genutzt werden sollte. So war etwa die Handhaltung vorgeschrieben, mit welcher die Bibel als Grußmittel zu verwenden war (mit Daumen und Zeigefinger Mao-Bild aufhalten). Wenn das kein Weg weisendes Buchmarketing ist!
5. Integrierte Kommunikation.
Wieder und wieder wurde die Mao-Bibel durch andere Medien aktualisiert. Nicht nur zierten Mao-Sprüchlein Tassen und Kannen. Tagesaktuelle Medien verbreiteten regelmäßig Meldungen, die bewiesen, dass mal wieder ein unlösbares Problem mithilfe der Bibel aus der Welt geschafft worden war. Und auch das Medium Wandzeitung hatte der Große Vorsitzende in seiner unerschöpflichen Weitsicht entdeckt: Besonders erbauliche Sprüche zierten überall in China die Fabrikhallen der arbeitenden Klasse.
Fazit: Auch wenn seine politischen Ansichten heute aus der Mode geraten sind - von Mao lernen heißt siegen lernen!
Kommentare
Schöne Polemik. Auch wenn man bei solch politischen Vergleichen immer auf schmalem Grat wandelt. Zum Beispiel wenn man Erfolgsprinzipien von Corporate Indentities am Erscheinungsbild des dritten Reiches (Hakenkreuz-"Logo", "einheitliches Farbschema" schwarz-weiß-rot, Corporate Fashion, konsistentes Gruß-Verhalten etc) festmachen wollte. Aber das will ja auch keiner...
Posted by: Lucas von Gwinner | 6.06.07 9:52
Schon komisch Gwinner, überall wo's polemisch wird, bist du zu finden ;-)
Es grüßt,
Der Realsatiriker
Posted by: Thomas Escher | 6.06.07 12:24