Es ist mein Text, ich darf mich lang fassen (sogar in der Überschrift, wie man sieht)
Lieber Harald Martenstein, ich habe mit den Gesetzen der Mathematik mal ausgerechnet (so genau ich das als Art Direktor überhaupt kann), dass Ihre Kolumne im ZEITmagazin bei gleich bleibender Abnahme der Zeichenzahl an Heilige Drei Könige des Jahres 2012 nur noch aus Ihrem Namen bestehen wird, das sind die Gesetze des Magazinjournalismus, tut mir leid.
Haben Sie ein Glück, dass ich Ihre – wie ich finde schon jetzt etwas kurze – Kolumne gelesen habe, denn ich kann Ihnen helfen. Ich besorge Ihnen bei uns im Verlag ein Magazin, in dem Sie sich ausbreiten können. Als Gegenleistung schreiben Sie Ihre Kolumne dann nicht mehr für die ZEIT, sondern für ein Wirtschaftsmagazin zum Beispiel. Kurz vor Redaktionsschluss rufen Sie an und teilen uns mit, ob Sie 3248 oder 4102 Zeichen brauchen. Ach was, schicken Sie kurz vor der Blaupause den Text rein, ich sorge dafür, dass er ungekürzt ins Heft kommt. „Was heißt hier Luft in den Artikeln, was heißt hier Bilder, Freiraum, Illustrationen?“ werd ich rufen, „Martenstein ist Martenstein und ein Satzspiegel dazu da, dass man ihn verlässt.“ Nötigenfalls kopiere ich nach Redaktion und Lektorat Ihre Version wieder hinein und mach die Schrift heimlich einen Punkt kleiner, oder nullkommaneun, geht ja alles heutzutage.
Bevor Sie nun vorschnell zusagen, sollten Sie noch zwei Dinge wissen: Erstens sind Sie als Journalist bestimmt ein wenig eitel und deshalb möchte ich darauf hinweisen, dass Sie für Ihre Kolumne das jetzt noch leserfreundlichere Magazin der ZEIT gegen eines unserer Corporate Publishing Magazine eintauschen würden. B2B oder B2C, was das ist, erklär ich Ihnen später. Zweitens sind nicht alle Art Direktoren so mächtig wie die bei der ZEIT, und da liegt mein Problem. Unsere Chefredakteure sagen nämlich so Sachen wie „Meine Autoren such ich mir gefälligst selber aus, Martenstein bleibt draußen. Kümmere Du Dich um den Weißraum, den hast Du Dir selbst eingebrockt.“
Mit Geduld und Mathematik warte ich jetzt auf den Sommer des Jahres 2012. Dann wird auch noch Ihr Name aus der Kolumne verschwunden sein. Merken Sie sich meinen. Wie gesagt, ich kann Ihnen helfen.