Ein Magazin das in die ZEIT passt
In die ZEIT passt das neue „ZEITmagazin Leben“ auf jeden Fall - rein formal. Ob es in die Zeit passt, wird hier und da heiß diskutiert. Unter dem Aspekt, dass die Themenrelevanz mittelfristig über den Fortbestand einer Publikation entscheidet sicher eine berechtigte und wichtige Diskussion. Für ein Magazin, das als Beilage einer der renommiertesten Wochenzeitungen Deutschlands erscheint, allerdings eher zweitrangig. Der Leser weiß schließlich seit Jahren, was ihn erwartet – Qualitätsjournalismus. Ja natürlich, das Magazin soll verjüngen und neue, bisher unerreichte Leserklientel erschließen. Das diese Wunschdenke hochdekdekorierter Verlagsmarketiers nicht funktioniert, sollte sich spätestens seit der Einstellung des Jetzt-Magazins der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2002 herumgesprochen haben.

Das Beilagemagazin einer Zeitung ist primär ein Zusatzangebot für die bereits vorhandene Leserschaft. Aus diesem Grund ist die Frage, ob das Holtzbrinksche Magazin zur ZEIT passt eine viel spannendere und für die Zukunft des Magazins entscheidendere Frage. Um die Antwort vorwegzunehmen, es passt. Und wie. In gewohnter ZEIT-Manier setzt das Magazin auf journalistisch gut gemachte Hintergrundberichte [Günter Wallraff macht wieder Ärger, S.16], ohne dabei auf unterhaltende Magazinelemente zu verzichten [„Harald Martenstein muss sich immer kürzer fassen“, S. 8 oder „Tillmann Prüfer glättet sich eine falte mit Botox“, S.69]. Das Layout wirkt durch seinen hohen Anteil an Weißraum edel, aufgeräumt und übersichtlich, durch seine überwiegend typografischen Gestaltungselemente ruhig und klar. Attribute, die sich der Leser journalistisch von der ZEIT erwartet und die er hier visuell bestätigt bekommt. Als regelmäßiger ZEIT-Leser fühlt er sich dadurch bereits in der ersten Ausgabe zu Hause. Ein wichtiges Argument für das Magazin, das nur Bestand hat, wenn es von den regelmäßigen Lesern der Zeitung akzeptiert wird.
Als Fazit bleibt zu sagen: Wer mit dem ZEIT-Magazin eine noch nie dagewesene Form des Magazin-Journalismus erwartet hat, wurde sicher enttäuscht. Wer sich allerdings auf ein vierfarbiges Zusatzangebot einer Wochenzeitung gefreut hat, wird vom neuen ZEITmagazin Leben mehr als zufrieden gestellt. Wenn auch nicht bis ins letzte Detail. Natürlich gibt es für die nächsten Ausgaben noch Verbesserungspotenzial. Die „Worte der Woche“ (S. 11) wurden nicht zu Unrecht in den meisten Kritiken als „unterirdisch“ bezeichnet. Und ob man künftig des Öfteren mit Josef Ackermann unter die Dusche steigen muss bleibt ebenfalls zu bezweifeln.
Positiv sei noch erwähnt, dass die ZEIT ihrem Magazin ein eigenes IP-TV-Format gönnt. Eine gute Möglichkeit, die vom Magazin avisierte junge Leserklientel zu gewinnen und außerdem ein schönes Differenzierungsmerkmal zum Wettbewerb, der es nach wie vor mehr schlecht als recht schafft, seine Inhalte halbwegs nutzerfreundlich digital anzubieten. Auf explizite Beispiele sei hier verzichtet, die gibt’s da draußen ja mehr als genug.
Was die Großen dazu sagen:
Der Greis als Rebell | spiegel.de, Christian Buß
Opulent, geschmackssicher - und leider viel zu brav: Die “Zeit” hat ihre vor acht Jahren eingestellte Beilage als “Zeit-Magazin Leben” reanimiert. Das Heft bewegt sich jetzt zwischen Retro-Charme, Veteranentreffen und Personalisierungskult.
Das zweite Leben | taz.de, Stefan Kuzmany
Nach acht Jahren Pause liegt der “Zeit” ab heute wieder ein Magazin bei. Geleitet vom 33-jährigen Christoph Amend, verspricht das “Zeit-Magazin Leben” Verjüngung. Noch überwiegt das Altbekannte.
Kommentare
Lieber Autor, Deine Begeisterung teile ich ganz und gar nicht. Das Magazin ist ein neuer Ausdruck der nervigen Tendenz Mittdrießiger, permanent ihre eigene glückliche 80er-Jahre-Vergangenheit zu thematisieren. Die einzige Begründung, die der Chefredakteur für das neue Magazin liefert: Er hat es schon als glückliches 80er-Jahre-Kind gelesen. Und der Wallraff-Text ist durchaus nicht "journalistisch gut gemacht" (was immer man darunter versteht), sondern das pseudoinvestigative Gebrabbel eines alten Mannes, der die Welt nicht mehr versteht. Und ein weitere Ausdruck der 80er-Jahre-Melancholie des Chefredakteurs: Schließlich hat der schon als aufgeweckter Schülerzeitungsredakteur regelmäßig Wallraff gelesen.
Posted by: Alexander Gutzmer | 30.05.07 11:51
"Leben" ist genau so, wie es das vergangene ZEIT-Magazin war. Leider! Wie sehr hätte ich mich über etwas neuartiges gefreut, etwas frisches, etwas intellektuelles mit frecher Tendenz. Und nun? Vice versa, alt gleich neu. Genauso Bohème, genauso bescheuert. Einige gute Texte, viele schlechte (Beispiele spare ich mir an dieser Stelle).
But who knows; vielleicht wird es ja besser. Wir haben Zeit. Ich gebe ihm eine Chance.
P.S.: Was hat das alles eigentlich mit CP zu tun, Mr. Escher?
Posted by: Knut | 30.05.07 13:53
Mr. Knut, Corporate Publishing ist ein Segment im Medienmarkt, und aktuelle Medienentwicklungen sind für Corporate Publisher relevant. Dieser Blog spiegelt die Themen wider, mit denen sich unser Branchensegment befasst, und es ist sehr zu begrüßen, wenn er sich nicht auf die Vorstellung neuer CP-Objekte beschränkt. Denn CP-Anbieter sollten wissen, was im Publikumssektor geschieht, um sich mit den dortigen Best Practices zu messen.
Posted by: Alexander Gutzmer | 30.05.07 17:13
Hi Alex,
was man unter "journalistisch gut gemacht" verstehen mag weiß ich nicht. Ich verstehe darunter eine gut recherchierte, spannend erzählte Geschichte, die auch dem Laien ein undurchsichtiges Thema einfach und verständlich erklärt. Wallraff ist das in seinem Text wie ich finde gelungen. Er bringt Licht ins Dunkel einer dubiosen Branche und deren Verständis von Recht und Moral. Warum du bei deiner Kritik das Alter des Autors als Kriterium für die Güte seines Textes anführst erschließt sich mir leider eben so wenig wie die Anmerkung, dass er die Welt nicht mehr versteht. Könnte er die Speerspitze des modernen Massenmarketings so klar beschreiben wenn seine Halbwertszeit bereits abgelaufen wäre? Diese Art von Polemik würde ich dann allerdings auch als "durchaus nicht journalistisch gut gemacht" bezeichnen.
Gruß
Thomas
Posted by: Thomas | 1.06.07 9:02
Wallraff ist nicht gerade der erste Journalist, der auf die Idee kommt, die Callcenterbranche von innen zu beleuchten. Dass deren Mechanismen unerfreulich sind, überrascht auch nicht wirklich. Für das eigentlich Spannende, die psychologischen Mechanismen, die sich in den Köpfen der Agents abspielen, fehlt ihm aus meiner Sicht der Blick.
Sein Alter an sicht spielt keine Rolle, allerdings hat die weltfremde Antikapitalistenpose viel mit seinem 68er-Hintergrund zu tun und damit doch mit seinem Alter. Und die Halbwertzeit nörgelnder 68er ist definitiv abgelaufen.
Zur Polemik: Diese stellt eine eigene Stilform dar: subjektiv, pointiert, durchaus auch mal ungerecht. Also: Nicht polemisch schreiben an sich ist schlecht, sondern allenfalls die Art, wie man polemisch schreibt.
Posted by: Alexander Gutzmer | 1.06.07 10:25
"Wer mit dem ZEIT-Magazin eine noch nie dagewesene Form des Magazin-Journalismus erwartet hat, wurde sicher enttäuscht. "
Dieser Aufforderung zur Reaktion will ich gern Folge leisten. Das ZEITmagazin wiederzubeleben gehört sicher zu einer der seltenen spannenden Aufgaben welche der deutschsprachige Blätterwald derzeit zu bieten hat. Zumal man in dem Sektor bereits profilierte, sehr eigenständige Wettbewerber hat (SZ-Magazin) bzw. bekommen wird (überlegt nicht auch die FAZ ihr Magazin wieder hervorzuzaubern). Dieser Hintergrund rechtfertigt m.E. einen hohen Anspruch an das neue ZEITmagazin. Und den kann es nicht erfüllen: Heterogene Textqualität und belanglose bis ärgerlich nachlässige Gestaltung schaffen zumindest bei mir kein rundes Bild davon, wen dieses neue Supplement erreichen oder womit es begeistern möchte. Von nie dagewesener Qualität wage ich da also gar nicht zu sprechen, es hätte mir gereicht wenn es eine eigene durchgängige Qualität aufweisen würde, die dem Wettbewerb in nichts nachsteht.
Um an die Vorredner anzuschließen könnte man es überspitzt auch so formulieren:: Schön das sich ein CP-Dienstleister an aktuellen Best-Practices orientiert. Hinsichtlich der hervorragenden Layouts einiger B2B-CP-Titel aus dem Hause Burda Yukom wäre es ja schön gewesen, wenn sich umgekehrt auch mal ein Verlag bei CP-Best-Practices inspiriert.
So long, Lucas von Gwinner
Posted by: Lucas von Gwinner | 4.06.07 12:30
Dem kann ich mich nur anschließen, auch wenn dieser Gleichklang die Diskussion sicherlich etwas einbremst ;-)
Evtl. hätte der Autor die Tatsache aussparen können, dass der Vater des Knaben als Betriebsrat bei der ZEIT angestellt ist, das hätte die Geschichte m. E. noch weiter aufgewertet. Aber sonst d' accord.
Posted by: Thomas Escher | 3.07.07 20:24