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20.04.07

Willkommen in der PR-Gesellschaft

"Wussten Sie, dass mehr als 40 Prozent des redaktionellen Contents einer Tageszeitung von PR-Agenturen stammen?" Mit dieser These eröffnete Volker Panzer am vergangenen Sonntagabend das ZDFnachtstudio zum Thema "Bullshit oder Wahrheit - Willkommen in der PR-Gesellschaft". Neben Sascha Lobo, deutscher Vorzeige-Blogger und Werbetexter, versammelten sich die PR-Beraterin Heike-Melba Fendel, die Journalistin Bettina Gaus und der ehemalige VW-Vorstand Klaus Kocks um Panzers elektrisches Kamin. Wer sich eine gewohnt ruhige, auf Etikette bedachte Diskussion vor kitsichgem Kaminfeuerambiente gewünscht hatte, wurde dieses Mal enttäuscht. Die Anwesenden Branchenvertreter lieferten sich einen erbitterten Grabenkampf und sparten nicht an Schuldzuweisungen als es um die Frage ging, wer den nun für die PR-Pandemie deutscher Presseerzeugnisse verantwortlich sei.

Vor allem der selbstreferenzielle PR-Experte Klaus Kocks sorgte in seiner gewohnt inszenierten und polemischen Art für mächtig Zündstoff. Ob und wie sehr einem die Selbstherrlichkeit des Spin-Doctors schmeckt sei dahingestellt. Inhaltlich allerdings brachte Kocks die Diskussion recht schnell auf den Punkt. Die deutsche Redaktionslandschaft ist latent unterbesetzt. Immer weniger Redakteure müssen eine immer größer werdende Flut an Informationen filtern. Automatisch greifen sie dadurch auf das Angebot von professionellen Kommunikations- und PR-Beratern zurück. "Die PR hat sich von einem Angebots- zu einem Nachfrage-Markt entwickelt", so Kocks.

Ein Schlag ins Gesicht für die hunderttausend investigativ arbeitenden Journalisten da draußen. Oder haben Sie schon mal einen Vertreter dieser Zunft getroffen, der seine Storys nicht ausschließlich auf exklusiv recherchierte, investigative Informantenauskünfte stützt? Eben.

Hier geht's zum Audiodownload der Sendung.
Den Videostream des ZDF finden Sie hier.

Übrigens, alleine das Intro, in dem Panzer Sigmar Gabriel als den „Pummel-Knut der Politik“ bezeichnet, ist hörenswert. Herrlich.

Weitere Infos zum Thema:
Interview mit Klaus Kocks in der Zeit Nr. 42, vom 12.10.2006
Interview mit Klaus Kocks, Spiegel-Online vom 17. Januar 2007
Blogpost von Heiko Hebig
Blogpost von Thomas Knüwer vom Handelsblatt-Blog
Blogpost Medienrauschen

16.04.07

Kampf dem Laissez-Faire!

Kennen Sie Nigel Slater? Vielleicht, wenn Sie gelegentlich den britischen Observer lesen. Für diesen schreibt Slater regelmäßig amüsante, kluge Beiträge zu Foodthemen. (Zumindest so weit ich das als dezidierter Nichtkoch beurteilen kann.) Slater hat schon einiges an Preisen abgeräumt. Bald könnte es wieder so weit sein. Der Autor ist nominiert für den Titel "Best writer of the year" der britischen "PPA Magazine Awards", dem Pendant zu unseren Lead Awards. Interessant dabei: Nominiert wurde Slater nicht für seine Observer-Kolumne, sondern für seine Arbeiten im Sainsbury's Magazine.

Womit sich die Frage stellt: Warum werden in Großbritannien Autoren von Corporate Magazines selbstverständlich bei regulären Medienawards berücksichtigt - und bei uns nicht? Weil die Qualität von CP-Texten durchgehend unterirdisch ist? Sicher nicht. In Magazinen wie den Stadtansichten finden sich definitiv preiswürdige Texte. Der Grund dürfte vielmehr der Fundamentalismus der deutschen Journalismus zu suchen sein. Corporate Publishing darf nicht gut, darf nicht preiswürdig sein, so die Dogmatiker.

Die Gefahr dabei: Die CP-Branche kann dies zu unnötiger Genügsamkeit verleiten. Nicht dem Wettbewerb mit den großen Publikumstiteln ausgesetzt, fällt es Kunden und Dienstleistern leichter, dem journalistischen Laissez-faire zu frönen, Qualitätskriterien zu vernachlässigen oder dem Wunsch nach unreflektiertem Eigenlob hemmungsloser nachzugeben.

Zumal die reinen CP-Awards oder Marketingauszeichnungen bei uns auch keine journalistischen Spitzenleistungen prämieren. Der BCP etwa belohnt gute Magazinkonzepte, aber keine guten journalistischen Einzelbeiträge. Warum eigentlich vergibt keiner einen Preis für die beste CP-Reportage, das brillanteste Interview, die witzigste Glosse oder die beste Fotografie in einem CP-Magazin?

11.04.07

Der gebissene Kunde

Alltag im Unternehmen: Die Preise sind zu hoch, die Qualität stimmt nicht mehr, der Druck nimmt zu, die Motivation ab, die Kunden rennen weg. Man ruft den Onkel Doktor, sprich den Unternehmensberater. Der setzt seine Kostenbrille auf, macht ein ernstes Gesicht und sagt: „Die Kosten sind zu hoch“. Wir erstarren in Ehrfurcht, denn darauf wären wir nie gekommen. Parole: Kosten runter! Wo? Natürlich erst mal bei der Kommunikation, genauer: beim Kundenmagazin. Das ist am einfachsten, denn man braucht in der Regel keine Leute entlassen. Und die Gefahr, dass Betriebsrat und Gewerkschaften für den Erhalt des Kundenmagazins auf die Straße gehen, ist so sicher wie der geschlossene Einmarsch der Armee von Papua-Neuguinea in Sibirien. Leider honorieren die Kunden die Sparbemühungen nicht, weil sie nix von Kosten verstehen. Denn trotz einiger Euro Einsparungen bei der Kommunikation rennen die Kunden weiter weg.

Vorschlag: Man sollte die ganze Kommunikation einstellen. Einem Vorstand, der dieses Ansinnen allen Ernstes geäußert hatte, habe ich die Frage gestellt, ob er denn noch mit seiner Frau spreche. Denn eigentlich könnte er sich die Kommunikation ja sparen, wie im Unternehmen. Das sei etwas völlig anderes, erwiderte er mir barsch, schließlich mag er ja seine Frau und will sich mit ihr austauschen. Aha, habe ich gesagt, Ihre Kunden mögen sie dann also nicht? Natürlich, so seine Antwort. Und? Wie sagen Sie ihnen das? Gestottert: „Über unsere guten Produkte“. Prima, sage ich, dann habe ich eine tolle Idee: Schreiben Sie auf jedes Produkt: Kunde, ich liebe Dich!
Okay, das ist bei einem Versicherungsprodukt oder einem Pfund Hackfleisch etwas schwierig.

Aber beeilen Sie sich bitte, denn den Letzten (Kunde) beißen bekanntlich die Hunde.

10.04.07

Orientierungslos? Kaufen Sie sich doch eine Zeitschrift

Mehr als die Hälfte aller Zeitschriftenleser vertrauen auf Produktempfehlungen der Redaktion. Dies ergab eine Studie der TNS Emnid Medienforschung.

Eine aktuelle Studie der TNS Emnid Medienforschung analysierte jüngst in einer Stichprobe von rund 1.400 Rezipienten den Einfluss von Zeitschriften bei der Produktempfehlung. Mit 58 Prozent gaben mehr als die Hälfte aller Befragten an, grundsätzlich ein hohes Vertrauen in die Produktvorstellung von Redaktionen zu haben. Zwei Drittel der Umfrageteilnehmer haben sogar schon einmal ein empfohlenes Produkt gekauft oder bestellt. Außerdem bringen über die Hälfte der Befragten Produktberichte und -empfehlungen regelmäßig in das Gespräch mit anderen ein. "Wir sehen, dass Beiträge und Empfehlungen in Zeitschriften tatsächlich zur Orientierung im Produkt- und Dienstleistungsmarkt genutzt werden. Wir können auch feststellen, dass diese Orientierung selbst dann noch funktioniert, wenn hinter redaktionellen Beiträgen oder Empfehlungen "versteckte Werbung" vermutet wird", so Claudia Knoblauch, Studienleiterin bei TNS Emnid.

Die Zeitschrift scheint also entgegen der unzähligen Online-Substitutions- theorien immer noch ein zentrales Element in der Meinungsbildung des Konsumenten zu sein.

Hier schreiben Fachautoren über neue Trends und Entwicklungen des Corporate Publishing auf dem deutschsprachigen Markt.