Intelligentes CP oder einfallsloser Kiosktitel?

Am 11. Mai erscheint erstmalig das "eBay-Magazin". Verlegt wird das Blatt vom Hamburger Verlag Gruner + Jahr. Das als Lifestyle-Titel positionierte Magazin richtet sich quartalsweise an die eBay-Community. Der Copy-Preis beträgt 2,50 Euro, für die Erstauflage ist ein 140 Seiten starkes Heft mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren geplant. Das Heft deckt Themenfelder ab, die von Auktionstipps bis hin zu Erfolgsgeschichten einzelner eBay-Nutzer reichen.
So oder ähnlich waren letzte Woche die ersten Verlautbarungen zum „eBay-Magazin“ formuliert. Gut. Bis hierhin gibt es nichts einzuwenden. Lediglich lässt sich darüber diskutieren, wie einfallsreich und spannend ein solches Magazinkonzept ist. Wirklich interessant wurde das ganze Thema erst, als ich Anfang der Woche folgende Formulierung las, die dem letzten Absatz einer HORIZONT-Mitteilung zu entnehmen war:
"eBay-Deutschland, Berlin, wird durch einen Lizenzvertrag an den Magazin-Erlösen beteiligt. Als Vermarktungspartner rührt der Online-Marktplatz mit Bannerschaltungen und in seinem Newsletter die Werbetrommel für das Magazin"
Nun ist dieses PR-Deutsch immer etwas schwierig zu deuten. Lassen Sie mich deshalb einmal den Versuch einer Übersetzung wagen.
eBay hat durch den abgeschlossenen Lizenzvertrag mit Gruner + Jahr ein berechtigtes Interesse, hohe Erlöse aus der Magazinvermarktung zu realisieren. Hohe Erlöse erzielt ein Magazin dann, wenn es Relevanz bei einer breiten Leserschaft erzielt. Diese bekommt es durch nutzwertige Infos und gute, unterhaltsame Geschichten. Beides findet sich in der eBay-Zentrale in Berlin quasi im Flur, der Kaffeeküche oder an ähnlich konversationsintensiven Orten, an denen sich Mitarbeiter über ihre Erlebnisse mit der Plattform und seinen Nutzern austauschen. Da eBay es seiner treuen Nutzerschaft natürlich schon aus moralischen Gründen schuldig ist, authentische und ehrliche Gesichten zu publizieren, ist man vermutlich gerne gewillt, den vorhandenen "Premium-Content" nach Hamburg zu transferieren, um ihn dort über eine unabhängige verlegerische Instanz seinen Kunden zugänglich zu machen. Damit die hart recherchierten Geschichten dann auch wirklich den Weg zu ihren relevanten Adressaten finden, stellt man selbigem Verlag am besten auch gleich die Adressen seiner registrierten Nutzer zur Verfügung, für die das Berliner Online-Auktionshaus höchstwahrscheinlich die Vermarktungsrechte für unternehmenseigenes Marketing besitzen dürfte. Als phantasieloser Nicht-Marketier fallen selbst mir spontan mehrere Varianten für diverse Direktmarketing-Kampagnen ein. Laut HORIZONT zählt die Kernzielgruppe des Magazins elf Millionen eBay-Nutzer. Bei einem halbwegs vernünftigen Response von 3,5 Prozent wäre also die Erstauflage des eBay-Kundenmagazins auf einen Schlag vergriffen, die Erlöse gesichert und alle Vertragsparteien glücklich.
Na ja, nur so ein Idee von mir. Wahrscheinlich liegt es an meinem latenten Schlafdefizit, das ich mich zu solch kruden Gedankengängen hinreißen lasse - Sie entschuldigen. Schließlich hat sich Andreas Petzold, Geschäftsführer des „eBay-Magazins“, im HORIZONT-Interview noch mal dafür ausgesprochen, dass sein neuer Titel kein Kundenmagazin ist. Es handle sich vielmehr um einen "unabhängigen, nutzwertorientierten und unterhaltsamen General-Interest-Titel für die Community rund um den größten Marktplatz der Welt".
Und wer würde schon das Wort eines Stern-Chefredakteurs in Frage stellen.