Wann ist ein Layout fertig?
Ein Layout ist für mich fertig, wenn der Kunde es freigegeben hat. Das ist fatal, denn oft ist es dann eher kaputt als fertig. Gestalten ist ein Prozess, der im Kopf stattfindet. In meinem Kopf. Und da drin hat kein anderer etwas zu suchen. Aber der Kunde hat selber einen Kopf, in dem er sucht, und er findet tatsächlich eine Idee, die ich gleich zu Anfang aus gutem Grund verworfen hatte. Es ist nun seine Idee und seine Idee wird zum Entwurf, denn wer zahlt, schafft an.
Mit seinem Entwurf in meinem Kopf gehe ich Abends zum Italiener und bestelle zum Beispiel Ravioli. Gefüllt mit Ricotta. Oder mit Spinat. Gefüllt mit irgendetwas, das sich der Koch ausgedacht hat. Ich probiere und lasse die Nudeln zurückgehen. Der Teig ist gut, aber ich hätte doch lieber eine andere Füllung. Vielleicht diese Gewürzpaste, wie ich sie gestern beim Libanesen hatte. Und einen anderen Teller. Nein, nicht einen neuen, einen anderen. Vielleicht einen mit dem Muster, das ich neulich bei Mutzen¬hardts auf den Badfliesen entdeckt habe. So aus den Siebzigern. Haben Sie nicht? Na hören Sie mal: Wer zahlt, schafft an. Also, bitte die Ravioli aufschneiden und libanesische Füllung rein. Libanesische Füllung haben Sie nicht? Dann bitte den Salat, den der Nebentisch gerade bekommen hat. Ja, als Füllung. Mir doch egal, dass ein Koch vielleicht genau diese Idee aus guten Gründen bereits verworfen hatte und dass der sein Handwerk gelernt hat, interessiert mich ebenfalls nicht, schließlich habe ich auch Geschmack. Wussten Sie, dass Rabioli „Reste“ heißt? Manchmal komme ich mir wirklich vor wie ein Reste¬verwerter. Fremde Geschmacks¬reste aus dem Kunstunterricht von vor zwanzig Jahren werden in meine Layouts gerührt. Und ich soll dann der Geschmacksverstärker sein.
Besser wäre es, frei zu sein. Frei und radikal wie der amerikanische Künstler und Kunsttheoretiker Ad Reinhardt. Der stellte 13 Regeln für Künstler auf. Er verlangte unter anderem, ein Künstler solle den Pinsel gar nicht erst zur Hand nehmen, bevor er nicht das komplette Bild im Kopf hat. Vielleicht ist es vermessen, diese Regel auf uns Grafikdesigner anzuwenden, doch lässt sich damit der ideale Prozess des Gestaltens beschreiben: Wir denken nach, bevor wir uns für einen Entwurf entscheiden. Bereits im Hirn werden die Layout-Zutaten verkocht: Bilder, Buchstaben, Farben, Weißräume und – Erfahrung. Natürlich kommt es vor, dass sich der Kunde zu recht beschwert – auch wir sind mitunter verliebt und versalzen ein Layout. Aber muss er deshalb gleich die ganze Zeit in der Küche stehen?
Wann also ist ein Layout fertig? Die Antwort: Solange es nur in meinem Kopf existiert. Ad Reinhardts letzte Bilder sind einfach nur schwarz. Das bringt mich auf eine Idee.
Kommentare
Sehr schöner Beitrag, trifft den Nagel genau auf den Kopf.
Damit ist wohl auch die Frage beantwortet, woher all die schlechten Werbespots kommen.
Posted by: Thomas Escher | 12.01.07 17:29
Das alte Lied: Kreativ sind alle ein bisschen. Und eine Nichte die Grafik-Design studiert haben Auftraggeber ja auch gern in petto. Ganz zu schweigen von den Eingebungen der Frau des Chefs.
Aber: Solange Designer sich nicht die Mühe machen sachlich zu erklären was Gestaltung leisten kann, solang ist auch keine Besserung in Sicht.
Posted by: Lucas von Gwinner | 16.01.07 18:09
Na ja, ganz so einfach sehe ich die Sache nicht: wenn sich der Grafiker mit seiner Kunst verwirklichen will, wäre er besser wirklich Künstler geworden. - Ein Auftraggeber ist nicht nur deswegen unfähig, die Genialität des Grafikers zu akzeptieren, weil er das Metier nicht gelernt hat, sondern weil er andere Interessen zu vertreten hat. Der intelligente Layouter macht sich die Mühe, die Zielsetzung und Absicht seines Auftraggebers zu verstehen und macht ihm auf dieser Basis realistische Vorschläge. Bevor sich der Grafiker also im Kampf um die Lufthoheit in künstlerischer Höhe verausgabt, sollte er überprüft haben, wem der Wurm eigentlich schmecken soll: Dem Fisch und nicht dem Angler!
Posted by: Detlef May | 18.01.07 8:31
"Zielsetzung und Absicht", das hört sich ja wirklich sehr schön an. Ist aber wohl nur in den schönmalerischen Marketing-Märchenbüchern von Hr. Kotler und seinen grimmschen Kollegen zu finden. Mal ehrlich, in der Mehrzahl der Fälle kann der Kunde seine Zielsetzung doch gar nicht konkret formulieren. Er möchte erst mal etwas sehen, weil seine Vorstellungskraft vergißt er regelmäßig in überfüllten U-Bahnen oder sonstwo. Der konkrete Vorschlag wird dann auf die "Zielgruppenrelevanz" überprüft oder noch besser, auf die Kompatibilität mit dem Brandmanual der Marke in dem krudeste Bild- Farb- Markenverhaltenswelten definiert sind. Die Idee wird dabei sekundär. Möglicherweise auch deshalb, weil der Marketier sein Manual nicht als Korridor sieht, sonden als die allumfassende Bibel. Kreativität ausgeschlossen. Na ja, in jedem von uns steckt eben ein kleiner Beamter.
Posted by: Thomas Escher | 18.01.07 11:15
Eine Grafik ist dann fertig, nachdem der Grafiker fertiggemacht worden ist.
Konfuzius II
Posted by: James Kiliamantundu | 18.01.07 21:30
Wenn ich mir noch einen humoresken Hinweis auf die Thematik erlauben darf...bittesehr:
http://www.frederiksamuel.com/blog/images/critics.jpg
Posted by: Lucas von Gwinner | 19.01.07 16:06
....sehr amüsant der Beitrag! Kunden stehen manchmal nicht nur in der Küche und sehen zu, sie stehen auch am Herd und kochen selbst.
Aber das ist eben die besondere Herausforderung, die es interessant macht.
Posted by: Jutta Gawenda | 9.02.07 10:35