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Schwierige Grenzgänge

Einer der von Kulturkritikern meistgehassten Orte der Welt ist das kleine Städtchen Celebration, südlich von Orlando. Der Grund: Mit seinen rund 20000 Einwohnern ist Celebration ein urbanes Kunstprodukt. Gegründet hat die Kleinstadt 1996 der Disney-Konzern. Celebration ist eine urkonservative Mustersiedlung - ohne städtische Probleme, ohne Drogen, Kriminalität, architektonische Katasprophen (es sei denn, man empfindet die banale Kuschelarchitektur des Ortes selber als Katasprophe).
Wenn ein solcher Ort eine Zeitung herausbringt, die "Celebration Independent" heißt, dann irritiert dies. Und tatsächlich ist der Celebration Independent natürlich alles andere als independent. Die Zeitung stellt eine Hymne auf die Lebensweise des Ortes dar, vor allem auf die Idee der aktiven "community". Das ist durchaus legitim und auch sinnvoll, denn ein städtebauliches und gesellschaftliches Konzept wie die Idealstadt Celebration muss erklärt werden. Hierzu können Medien dienen. Aber: Da Celebration keine auf Basis urbaner Vielfalt gewachsene Stadt ist, sondern eine Gründung des Hauses Disney, kann die Zeitung gar nicht unabhängig sein - und sollte dies auch nicht von sich behaupten. Die Zeitung ist ein Corporate Publishing-Objekt. Das Versprechen, das Ding sei in irgendeiner Weise "independent", wirkt absurd. Celebration ist schon als Stadt ein schwieriger Grenzgang. Die Zeitung ebenso. Mit dem Titel "Celebration Independent" liefert die Stadt ar! gumentatives Futter für jene, die Celebration als pure Simulation kritisieren. Die Unabhängigkeit im Titel der Zeitung ist tatsächlich die reine Simulation.
Überhaupt gehört die Titelfindung zu einer der schwierigeren Aufgaben des Corporate Publishing. Die Lösung, Unternehmen X nennt sein Magazin X Magazin, ist einfach, aber wenig originell. Gern verwendete Blasen à la "Visionenakzentehorizonteaspekte" machen auch irgendwie Sinn, wirken aber doch eher blumig-blass. Sinnvoller ist, sich zu überlegen, worin die einzigartige Positionierung eines Magazins besteht, und diese pointiert zu artikulieren. Beispiel: "Mare", das Magazin über das Meer.

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